Ich bewundere, wie viel Verständnis und Großzügigkeit es bei aller Not gibt…

Fluechlingsbild in Uganda

Extreme Trockenheit, heftige Regenfälle und bewaffnete Konflikte: In weiten Teilen Ostafrikas leidet die Bevölkerung zunehmend unter akutem Nahrungsmangel und großer Hungersnot. Wir haben mit Kerstin Grimm vom DRK in Uganda über ihre Arbeit vor Ort gesprochen. Im Interview schildert sie ihre direkten Eindrücke und Herausforderungen…

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Der akute Nahrungsmittelmangel in Ländern wie Jemen, Südsudan, Somalia, Mozambik und Uganda hat jeweils unterschiedliche Gründe, können Sie uns zu der Situation einen Überblick geben?

Zunächst bewirkte das Klimaphänomen El Niño in 2016 extreme Wetterlagen: Hitze und Trockenheit. Die Regenzeit fiel in weiten Teilen Ostafrikas aus. In Mozambik und Uganda wiederum wurden Ernten auch durch regionale Überschwemmungen vernichtet. Zusätzlich verschärft wird die ohnehin schwierige Situation in Krisenländern mit bewaffneten Konflikten, wie dem Südsudan, Jemen oder Somalia: Dort fliehen die Bauern, um ihr Leben zu retten und lassen ihre Felder zurück. Schließlich gibt es auch politische Ursachen: So versucht die Regierung des Südsudans rebellische Ethnien bzw. Regionen im Norden des Landes quasi auszuhungern.

Kinder in Uganda leiden unter Hungersnot

Foto: Gero Breloer/DRK.

Was sind die konkreten Gründe für die Hungersnot im Norden Ugandas und was sind die Auswirkungen?

Der Norden und Nordosten Ugandas sind die ärmsten Regionen des Landes. In vielen Gegenden ist Feldbau grundsätzlich nur sehr eingeschränkt möglich, die Menschen leben überwiegend von der Viehhaltung. Es gibt eine Regenzeit pro Jahr, die unerlässlich ist, um die traditionellen Weidegebiete für die Haltung von Tieren zu erhalten. Nach zwei sehr dürftig ausgefallenen Regenzeiten wächst aktuell einfach nicht mehr genug. Die Viehalter wandern auf der Suche nach Futter in andere Gebiete, z. T. in Gegenden, in denen Felder bestellt werden, die aber ebenfalls von zu geringen oder ausgefallenen Regenfällen betroffen sind. Dazu kommt die große Zahl von Flüchtlingen vor allem aus dem Südsudan, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo. Besonders prekär ist auch die Situation für (frühere) Binnenflüchtlinge im Nordosten, die sich im Prozess der Neuansiedlung befinden. Sie verfügen über minimale Ressourcen und haben darüber hinaus kaum Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, wie medizinischer Versorgung, Schulen und Handelsplätzen. Schließlich gibt es auch noch Viehzüchter aus Kenia und dem Südsudan, die ihre Herden, auf der Suche nach Weideplätzen, über die Grenze nach Nordostuganda treiben. Die Folgen sind vor allem Hunger und  das Wiederaufflammen von Konflikten entlang ethnischer Grenzen bzw. Konflikten zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern um die knappen Ressourcen.

Welche Art von Hilfeleistungen werden vom DRK vor Ort erbracht?

Die Hilfe findet auf verschiedenen Ebenen statt und wird regional den Bedarfen angepasst. So gibt es In Flüchtlingsgebieten neben Hilfe zur Wasser- und Sanitärversorgung, zur Verbesserung der Gesundheitsbetreuung und der Ergänzung der Nahrungsmittelversorgung besondere Maßnahmen, um bestehende Konflikte zu bewältigen und um neue zu vermeiden: Wir schulen Ansprechpartner in Konfliktmanagement, führen gezielte Kampagnen in Camps durch oder organisieren Radiosendungen, in denen Flüchtlinge und Einheimische über ihre jeweiligen Gebräuche, Traditionen sowie ihre spezifischen Probleme und Erfahrungen diskutieren. Sportwettkämpfe im Rahmen von Veranstaltungen zum Weltfriedenstag oder zum Welttag der Flüchtlinge sind eine gute Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen. Dort können die Teilnehmer auch mal „Dampf abzulassen“, ohne den anderen aggressiv anzugehen. Mit anderen Maßnahmen sichern wir die Wasserversorgung, verbessern die hygienischen Bedingungen und betreiben Gesundheitsaufklärung, um die Gesundheit und Widerstandskraft der Bevölkerung zu stärken. Im Agrarbereich führen wir mittel- und langfristige Interventionen durch: Wir schulen Bauern in verbesserten Anbaumethoden, verteilen dürreresistentes Saatgut, verschaffen Menschen Zugang zu Wasser für sich selbst und für die Landwirtschaft durch Brunnenbohrungen etc. Auch andere Einkommen schaffende Maßnahmen, zum Beispiel Beratungen zur Vermarktung der eigenen Produkte, werden unterstützt, um Verdienstmöglichkeiten und langfristige Unabhängigkeit zu ermöglichen. Schließlich arbeiten wir über unsere Schwestergesellschaft, das Ugandische Rote Kreuz, eng mit den Gemeinden und lokalen Verwaltungen zusammen. Das gemeinsame Ziel ist, die Bevölkerung auf Naturkatastrophen vorzubereiten und die Folgen abzuwenden oder zumindest zu mildern, sowie sie in Krisensituationen zu stärken.

Schulungen und resistentes Saatgut soll Ernte sichern

Foto: Gero Breloer/DRK

Neben der Bereitstellung von Nahrungsmitteln: Welche technischen Lösungen sind im Einsatz, um den Herausforderungen zu begegnen?

Das DRK verteilt keine Nahrungsmittel, sondern hilft mit den genannten langfristigen Maßnahmen. Der Zugang zu Wasser für Mensch, Acker und Nutztiere wird durch technische Lösungen ermöglicht: Wir bohren Tiefbrunnen, wo es möglich ist, legen kleine Stauseen an oder installieren Regenwasser-Sammelanlagen. Verbesserte Sanitäreinrichtungen, also Latrinen und die Möglichkeit, sich regelmäßig die Hände zu waschen, helfen, Krankheiten zu vermeiden oder ihre der Ausbreitung zu verhindern. Wir unterstützen dies zusätzlich durch Hygieneschulungen. In enger Zusammenarbeit mit den lokalen ugandischen Fachbehörden im landwirtschaftlichen Bereich unterstützen wir z. B. die Identifizierung und Einführung von besonders resistenten Sorten und die Schulung in angepasster  Behandlung und  Lagerung von Nahrungsvorräten und Saatgut, um Ernte- und Lagerverluste zu minimieren.

Welche technischen Hilfsmittel fehlen am dringendsten?

Priorität haben neben den oben beschriebenen unterschiedlichen Formen von Wasserstellen die Verbesserung der Nahrungssicherheit und die Schaffung von Einkommensalternativen. Das geschieht in erster Linie durch landwirtschaftliche Produktion mit angepasstem Saatgut, Geräten, Bewässerungssystemen sowie der individuellen Beratung und Schulung. Daneben müssen wir für adäquate Lagermöglichkeiten sorgen und unbedingt auch alternative Einkommensmöglichkeiten für die Haushalte identifizieren und ihrer Umsetzung unterstützen, um das Haushaltseinkommen und damit die Möglichkeiten der Versorgung zu diversifizieren. Diese Hilfe kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, die nach einer gründlichen Situationsanalyse gemeinsam mit den einzelnen Gruppen festgelegt werden. Bisher wurden Aktivitäten wie Imkerei, Hühner- oder Ziegenzucht, Getreidemühlen sowie Spar- und Kreditinitiativen unterstützt. Viele der genannten Aktivitäten erfordern auch eine Verbesserung des Zugangs zu den lokalen Märkten. Der Umgang mit den technischen Geräten, aber auch das notwendige Fachwissen muss regelmäßig eingeübt bzw. neu vermittelt werden. Dazu bilden wir Trainer aus und stellen anschauliche Unterrichtsmaterialien  her, die auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmt sind.

Wie ist die Sicherheitssituation im Norden Ugandas? Gibt es zum Beispiel religiöse Spannungen?

Im Moment ist die Sicherheitslage unbedenklich. Generell spielt Religion, was bestehende Auseinandersetzungen angeht, keine große Rolle. Es kommt allerdings regional begrenzt immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit den „traditionellen“ Viehdiebstählen zwischen einzelnen Clans. Wenn es darüber hinaus zu Auseinandersetzungen kommt, werden diese in der Regel um knappe Ressourcen geführt, wie Weideland und Vieh.

Wie geht die Bevölkerung in Uganda mit den großen Flüchtlingsströmen um?

Ich bewundere immer wieder, wie viel Verständnis und Großzügigkeit es bei aller Not gibt. Die ugandische  Flüchtlingspolitik gilt als eine der liberalsten weltweit. Mit dem enormen Zustrom, den Uganda und ganz besonders bestimmte Regionen im Norden und Nordwesten des Landes in kurzer Zeit zu verkraften haben, ist die Kapazitätsgrenze schnell erreicht. Konflikte um Ressourcen auf lokaler Ebene sind nicht mehr auszuschließen, auch wenn von allen Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge in den Camps und Siedlungen ein Anteil von 30 Prozent des Gesamtvolumens explizit für die Unterstützung der aufnehmenden und in aller Regel ebenfalls bedürftigen ugandischen Gemeinden aufzuwenden ist.

DRK Uganda stetzt sich auch fuer die Fluechtlinge ein

Foto: Gero Breloer/DRK

Gibt es Kooperationen mit Sozialunternehmen vor Ort in Uganda?

Nein, leider noch nicht. Wir arbeiten aber natürlich mit unserer Schwestergesellschaft, dem Ugandischen Roten Kreuz, zusammen, und haben dadurch indirekt auch Kontakte zu lokalen Verwaltungen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Können Sie sich erklären weshalb die mediale Aufmerksamkeit für diese Hungersnot so gering ist?

Es gibt derzeit weltweit viele Krisenherde, die um öffentliche Aufmerksamkeit miteinander konkurrieren: Dazu gehören zum Beispiel der Bürgerkrieg in Syrien, der jetzt in sein siebtes Jahr geht und als eine der größten humanitären Katastrophen seit Ende des Zweiten Weltkrieges gilt, oder die Kämpfe im Nordirak mit Hunderttausenden Flüchtlingen. Außerdem hat die Hungersnot am Horn von Afrika in den jeweiligen Ländern zum Teil unterschiedliche Ursachen, was eine Berichterstattung nicht einfacher macht.

Hat die Hungersnot dort auch eine Verbindung zum Wassermangel?

Definitiv sind Dürre und Wassermangel entscheidende Faktoren für das Entstehen einer Hungersnot. Auf der Webseite des DRK finden Sie ausführliche Informationen zur Entstehung der aktuellen, äußerst bedrohlichen Hungersnot.

Das DRK bittet dringend um Spenden für die Betroffenen der Hungersnot in Afrika und dem Jemen

Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE63370205000005023307

BIC: BFSWDE33XXX
Stichwort: Hungersnot  

Fragen beantwortet Lucy Schweingruber, Referentin Stiftungen, Telefon: 030/854 40-117, l.schweingruber@drk.de.